· 

Sterne, Mond, Naturgewalten

Zwischen La Serena und Antofagasta in Nordchile gibt es etliche Möglichkeiten zum Sterne gucken. Die für lange Zeit wichtigsten Observatorien weltweit wurden in der Umgebung von La Serena/Vicuna errichtet. Warum? Der Himmel hier nahe der Atacama-Wüste ist meistens sehr klar. Die Entfernung zu größeren Städten und ihrer störenden Lichtverschmutzung ist groß und der Küstennebel hält Staubpartikel ab. Vicuna wirbt z.B. mit 300 wolkenlosen Tagen/Nächten im Jahr. Man kann die Observatorien besuchen, muss sich jedoch online registrieren und dann leider feststellen, dass die Führungen über Monate ausgebucht sind. Deshalb entscheiden wir uns für die Miniversion in Vicuna: das Mamalluca-Observatorium. Unser Guide erklärt humorvoll einige Sternbilder, lässt uns den Mond und Sterncluster im Nebeldunst betrachten und berichtet vom "Wettrüsten" der internationalen Observatorien: Wer hat das größte...? Die USA und Europa (ESO/Garching) haben die Chilenen mittlerweile überholt, was die Durchmesser der Teleskope angeht. Kleiner Exkurs: der Anfänger in Chile war das VLT = Very Large Telescope mit 4 Spiegeln á 8 m Durchmesser. Sein Nachfolger ist das ELT = Extremely Large Telescope mit 4 Spiegeln á 40 m. Aber der Gigant unter den Observatorien in der Wüste hier ist mittlerweile die europäische Anlage ALMA = Atacama Large Millimeter Array, bestehend aus 66 (!) Antennen á 12 m Durchmesser. Damit wird ein Teleskop mit unglaublichen 16 km Durchmesser simuliert. Man kann damit die Nasenhaare des Mannes im Mond betrachten. Unser Führer kommentiert die Entwicklung so: "Europa hat die Teleskope, aber Chile hat die Sterne."

So. Aber sehr viel eindrücklicher als alle Sterne der Welt war für uns an diesem Abend etwas anderes. Während wir mit 15 Touristen gegen 23 Uhr im Freien um ein Teleskop stehen und den Mond fotografieren, gibt es ein ERDBEBEN. Die Kuppel der Sternwarte beginnt zu rattern, Leute rennen aus dem Gebäude. Der Boden wackelt ca. 30 Sekunden lang, als ob man auf einer Rüttelplatte stehen würde. "Don´t worry, don´t worry..." Unser Führer bleibt cool und erzählt uns nachher, dass die Chilenen Erdbeben gewöhnt sind und diese Stärke alle 5 Jahre vorkommt.  "Wenn Chilenen aus den Häusern laufen (wie hier) ist es vermutlich Stärke 7." Dieses Erdbeben fühle sich rumpelig an, sagt er, manche kämen wellenförmig daher. Unsere Sternentour ist schlagartig zu Ende, der geplante Film muss ausfallen, weil die Stromversorgung zusammengebrochen ist und das ganze Tal und Vicuna zu unseren Füßen im Dunkeln liegt. Gespenstisch. 

Auf unserer Weiterfahrt am nächsten Morgen passieren wir einige Straßen, die aufgrund von Geröllabgängen nur einspurig zu befahren sind. Polizei und Bauarbeiter wuseln herum. Im Internet erfahren wir später, dass das Beben mit Stärke 6,7 als "stark" eingestuft wurde und zwei Todesopfer gefordert hat. Es gab eine kurze Tsunamiwarnung. Der Paso Agua Negra, den wir gestern gefahren sind, wurde aus Sicherheitsgründen gesperrt.

Dieses Erlebnis, in einer massiven Berglandschaft zu stehen und der Boden unter den Füßen wackelt - aber richtig! - werden wir nie vergessen.